19 September 2013

Leading from the emerging future

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Thomas Engelhardt

Das Wichtigste in Kürze:

  • In „Leading from the emering future“ beschreiben Kathrin Käufer und Otto Scharmer den größeren Shift, den unser Wirtschaftssystem und unsere Gesellschaft derzeit durchmachen.
  • Sie zeigen, welchen wichtigen Einfluss Führung dabei hat und dass es vor allem um die Gestaltung von co-kreativen Dialogräumen geht.
  • Zudem verweisen sie auf die Bedeutung der inneren Transformation von Führungskräften – der Shift im Kleinen – damit größere Veränderungen möglich werden.

 

“We are hitting the limits to leadership – that is, the limits to traditional top-down leadership that works through the mechanisms of institutional silos.”

Erst mal viel Altbekanntes

Nach dem sehr erfolgreichen und international beachteten Buch „Theorie U – Von der Zukunft her führen“ ist nun eine neues Werk von Otto Scharmer, Change-Management-Berater und Forscher am renommierten MIT in Boston, erschienen. Zusammen mit seiner Co-Autorin Kathrin Käufer greift er darin vieles auf, was er bereits ausführlich im Vorgänger-Buch dargestellt hat: Etwa den U-Prozess als ein Vorgehen in tiefgreifenden Veränderungsprozessen. Oder Presencing als individuelle und kollektive Führungstechnik zur Bewältigung komplexer Herausforderungen.

Die Vision einer globalen Gesellschaft

Dieses Mal geht Scharmer verstärkt auf den größeren Shift ein, der sich aus seiner Sicht derzeit in der Wirtschaft vollzieht. Im ersten Teil seines Buches skizziert er die Vision einer Gesellschaft 4.0. Einer globalen Gesellschaft, die sich vor allem dadurch kennzeichnet, dass Führungs-Entscheidungen nicht mehr aus einem eingeschränkten individuellen Blickwinkel getroffen werden, sondern aus einem globalen Bewusstsein heraus. Daher auch der Untertitel: From ego-system to eco-system Economies. 

„It is a shift from an ego-system awareness that cares about the well-being of oneself to an eco-system awareness that cares about the well-being of all, including oneself.“

Das Problem: ein dreifacher Disconnect

Warum aber braucht es überhaupt eine Weiterentwicklung unserer Ökonomie und Gesellschaft? Scharmers Antwort: Weil wir nicht mehr in der Lage sind, die komplexen Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen, wenn wir bei unseren täglichen Handlungen nicht auch den größeren Kontext betrachten. Damit deutet sich bereits an, dass die große Vision eine starke Relevanz für das Handeln eines jeden Einzelnen hat – insbesondere von Führungskräften. Doch bleiben wir einen Moment noch beim übergreifenden Shift.

Die drei großen „Disconnects“ unserer Zeit

Scharmer beschreibt drei systemische Trennlinien in unserer Gesellschaft, die es derzeit verhindern, dass wir in unseren Handlungen das größere Ganze miteinbeziehen: 

  • eine soziale Trennung: wir nehmen nicht wahr, welche Auswirkungen unser Handeln auf andere (sozial benachteiligte) Menschen hat
  • eine ökologische Trennung: Wir nehmen nicht wahr, welche Auswirkungen unser Handeln auf die Natur hat
  • eine spirituelle Trennung: wir nehmen nicht wahr, wofür wir eigentlich arbeiten, sondern tun eher das, was in der jeweiligen Organisation und dem jeweiligen System von uns erwartet wird

Quelle: O. Scharmer, K. Kaufer (2013) Leading from the Emerging Future. From Ego-to Eco-System Economies. Berrett-Koehler Publisher: San Francisco: Seite 7.

Acht zentrale Hebel für Veränderung

Darunter liegen verschiedene zentrale Ansatzpunkte, um diese Trennlinien zu überwinden. Scharmer nennt acht verschiedene Bereiche, in denen es den Shift hin zu einer nachhaltigen Ökonomie konkret umzusetzen gilt: Natur, Arbeit, Finanzen, Technologie, Führung, Konsum, Koordination und Eigentum. 

Ein neuer Führungsstil ist gefragt: co-creative leadership

Einen besonderen Schwerpunkt legt er dabei auf neue Führungs- und Koordinations-Mechanismen, die es aus seiner Sicht braucht: „Bridging the gap between eco-system awareness is the main challenge of leadership today.“ Es gehe darum, die Realität nicht mehr ausschnittsweise und kurzfristig zu sehen, sondern gemeinsam mit allen Akteuren die gesamte Situation in den Blick zu nehmen und damit tragfähige Entscheidungen zu treffen, die der Umfeld-Komplexität von Organisationen gerecht werden.

Dialoge als das wirkungsvollste Instrument für gute Ergebnisse

Der wesentliche Hebel dafür seien kraftvolle Dialoge, bzw. „co-kreative“ Felder, in der eine gemeinsame Intention gebildet wird und daraus gemeinsame Handlungen resultieren:

“Transforming the quality of conversation in a system means transforming the quality of relationship and thought – that is the quality of tomorrow’s results.”

Denn nur so kann die Lücke geschlossen werden, die zwischen der „ego-system-awareness“, also dem sehr kurzfristig orientierten, verknappenden Denken vieler Organisationen auf der einen Seite, und der „eco-system-reality“, also der zunehmenden Vernetzung und dem daraus resultierenden unübersichtlichen Wandel auf der anderen Seite, besteht.

Auf den Einzelnen kommt es an

Auf den ersten Blick ist das eine sehr abstrakte Beschreibung globaler Entwicklungen, die in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit uns Individuen steht. Doch weit gefehlt. Scharmer macht im zweiten Teil des Buches deutlich, dass der große Shift einen kleinen Shift in jedem Einzelnen von uns braucht. Damit meint er vor allem die Fähigkeit, aus den alltäglichen Routinen auszusteigen, innezuhalten und zu schauen, was es jetzt wirklich braucht.

„As human beings we are on a journey of becoming who we really are. This journey to ourselves is open-ended and full of disruptions, but also breakthroughs.“

Die Überwindung der drei großen Disconnects erfolgt in uns selbst, indem wir uns mit uns selbst, mit den anderen Menschen in unserem Umfeld und der Natur verbinden. Und aus diesem Bewusstsein heraus handeln. Dafür bedarf es einer besonderen Form der Aufmerksamkeit und der Präsenz, die es Stück für Stück zu erlernen gilt und zu kultivieren gilt.

Die Aufforderung an Führungskräfte: Ermöglicht mehr „Eco“ statt „Ego“ in euren Teams und Organisationen! 

Aus meiner Sicht sind es zwei wesentliche Aufforderungen, mit denen Otto Scharmer sich an seine Leser – und hier insbesondere an die Führungskräfte unter ihnen wendet:

  • Reflektiere deine eigene innere Sicht auf die Welt: Wo und wann handelst du aus einer „Ego-System“ und wann aus einer „Eco-System-Awareness“ heraus?
  • Schaffe Orte, an denen deine Mitarbeiter das größere Bild gemeinsam sehen und Lösungen entwickeln können – für Herausforderungen, die ein Einzelner alleine nicht mehr überschauen kann. 

Mein Fazit: Ein tolles Buch, um das eigene Führungshandeln in einem größeren Kontext zu verstehen

Auch dem Nachfolger von der „Theorie U“ mangelt es nicht an Komplexität. Je nach Vorlieben des Lesers kann man ihm das als Vor- oder Nachteil auslegen. Wer vor allem nach konkreten Tools für Change-Management, Teambuilding oder Führungskräfte-Entwicklung sucht, dem kann ich das Buch nicht empfehlen. Wer sich hingegen gerne mit den größeren Entwicklungen in unserer Welt auseinandersetzen möchte und der Frage, wie sich das eigene Denken und Handeln darauf auswirkt, für den ist „Leading from the emerging future“ ein Muss.

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