5 Dezember 2013

Für Sie gelesen: Neustart

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Bettina Wachsen

Ab jetzt zählt der Mensch!

Eine radikale Änderung der Führungskultur – nichts weniger als das fordert der ehemalige Top Manager und Berater Patrick Cowden in seinem zweiten Buch „Neustart“. Statt der einseitigen Fokussierung auf Kennzahlen und deren Optimierung bedarf es einer Managementpraxis, die den Menschen in den Mittelpunkt unternehmerischen Handelns stellt. Denn schließlich sind es ja die Menschen, die mit ihrem Einsatz, ihrer Kreativität und ihrem Potenzial die Organisation überhaupt erst erfolgreich machen.

Doch nicht Mitarbeiterzufriedenheit, Innovationskraft oder Kundenzufriedenheit entscheiden über das, was man in herkömmlicher Weise als unternehmerischen Erfolg bezeichnet, sondern einzig und allein die nach oben weisende Renditelinie.

 

Patrick D. Cowden spricht aus Erfahrung

Diese Logik ausschließlich profitorientierten Wirtschaftens und ihre absurd anmutenden Auswirkungen auf den Unternehmensalltag prangert Cowden an. Und er weiß wovon er spricht: war der Deutsch-Amerikaner doch über 25 Jahre „der beste Diener dieses Systems“. Hat er selbst als Top Manager in verschiedenen Multis wie Dell, EMC und Hitachi größte Erfolge eingefahren – und ist dennoch rausgeflogen. Vier Mal. Genau diese persönlichen Erfahrungen sind es, die den Autor so glaubwürdig machen, wenn er die Sinnhaftigkeit einseitig zahlenorientierter Kostenoptimierungsprogramme seziert, die viele Top Managements heute als ihre Hauptaufgabe ansehen.

 

Viele Unternehmen nutzen das vorhandene Potenzial nicht

Doch die komplexen Herausforderungen der heutigen Wirtschaftswelt werden sich durch Rechenmodelle nicht mehr lösen lassen – warum nicht, das zeigt Patrick Cowden auf gut 250 Seiten. In rasantem Erzähltempo und in manchmal auch amerikanisch anmutender Einfachheit, mit der er komplexe Zusammenhänge plakativ auf den Punkt bringt, nimmt Cowden den Leser mit durch die unterschiedlichsten Bereiche der gängigen  Unternehmenspraxis. Er zeigt auf, wie der permanente Kontroll- und Optimierungswahn vor allem eines hervorbringt: eine massive Misstrauenskultur in Organisationen. Führungskräfte und Mitarbeiter werden so nicht nur demotiviert, sondern regelrecht daran gehindert, sich mit ihrem Potenzial und ihrer Kreativität für den Unternehmenserfolg einzusetzen.

Doch genau diese braucht es nun mehr denn je, da das Umfeld komplexer und dynamischer wird. Die zentrale Kompetenz, um sich in einem solchen komplexen Marktumfeld zu bewegen, besteht aber eben gerade nicht darin, in Excelsheets zu starren und Entscheidungen anhand ausgefeilter Zahlenexperimente zu treffen. Stattdessen geht es darum, kleine und kleinste Veränderungsimpulse innerhalb und außerhalb der Organisation wahrzunehmen und schnell darauf reagieren zu können.

 

Es braucht eine Kultur des Vertrauens und der Wertschätzung

Und damit dies möglich wird, muss sich der Blick des Top Managements von den Zahlen weg und direkt zu den Augen der Mitarbeiter bewegen. Immer wieder betont Cowden die Bedeutung vertrauensvoller Beziehungen für langfristigen Unternehmenserfolg – zwischen Führungskräften und ihren Mitarbeitern, aber auch zwischen den Mitarbeitern selbst und insbesondere zu den Kunden der Organisation.

Cowdens These, die er gegen die bestehende Misstrauenskultur in vielen Organisationen stellt, ist dabei denkbar einfach: „Im Unternehmen der Zukunft dreht sich alles nur um einen: um den Menschen“. Seine Vision ist klar: Unternehmen müssen eine Vertrauenskultur aufbauen, in der sich Führungskräfte, Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten auf Augenhöhe und mit Respekt begegnen. In der die Werte Achtsamkeit, Fairness, Wertschätzung und Toleranz den Nährboden bilden für Verantwortungsbereitschaft und Eigeninitiative bei Mitarbeitern. Und damit für die dauerhafte Überlebensfähigkeit der Unternehmen.

 

Führungskräfte stehen vor einem Dilemma

Und doch, bei der Frage, wie Cowden in Unternehmen eine Wertegemeinschaft bilden will und wie es gelingen soll, die sich selbsterhaltende Systemlogik eines zahlenbasierten Wirtschaftssystems wirksam zu unterbrechen, in dem ja schon die Unternehmenslenker selbst wie Marionetten an den Fäden renditeorientierter Investoren hängen – da bleibt der Autor vage. Denn das Dilemma ist klar: Unternehmen und Wirtschaftsorganisationen sind per Definition nicht unmittelbar daran interessiert, dass Menschen ihre Beziehungs- und Entfaltungsbedürfnisse befriedigen können. Die Ziele der Organisation sind durch und durch zweckrational und an dem eigenen Überleben orientiert – also Wachstum und klare Profitorientierung. Die ständige Optimierung von Kennzahlen und deren Kontrolle machen aus dieser Blickrichtung Sinn und sind hochgradig zweckmäßig. Mitarbeiter haben aus dieser nüchternen Perspektive vor allem die Funktion, die selbsterhaltenden Prozesse der Organisation am Laufen zu halten. Aber diese Mptarbeiter müssen erstmal gewonnen werden...

 

Die Generation Y als Druckpunkt für Unternehmen

Denn die Situation wird sich zukünftig noch verschärfen, da mit der Generation Y eine Welle neuer Arbeitskräfte in den Markt eintritt.  Eine Generation junger, hoch ausgebildeter Wissensarbeiter, die aufgrund ihrer persönlichen und ausbildungsbedingten Sozialisierung mehr Gestaltungsspielraum und Mitspracherecht einfordern, als je eine Generation vor ihnen. Die nach beruflichen Wirkungsfeldern suchen, in denen sie einen Sinn sehen und in denen eine Balance zwischen beruflichem Tun und persönlicher Entfaltung gewährleistet ist. Die also zunehmend weniger bereit sind, einen wesentlichen Teil ihrer Selbstbestimmung an der Unternehmenspforte abzugeben, um sich in einer „geistlosen hierarchischen Struktur“ 80 Stunden die Woche unterzuordnen.

 

Die Vision: Profitorientierung und Potenzialentfaltung gehen Hand in Hand

So ist davon auszugehen, dass Unternehmen in der Zukunft Antworten finden müssen, wie sie ihren Mitarbeitern flexible Freiräume zur Gestaltung und Entfaltung von Innovationen anbieten können. Vertrauen bildet dafür das wesentliche Fundament. Und es braucht ein Führungsverständnis, das sich von dem alten Paradigma von Vorgabe und Kontrolle löst und seinen wesentlichen Zweck darin erkennt, Kommunikations- und Entscheidungsräume zu gestalten, in denen sich das Potenzial der Vielen nachhaltig und im Sinne der übergeordneten Unternehmensinteressen entfalten kann. Profitorientierung und Potenzialentfaltung gehen so Hand in Hand – eine durchaus inspirierende Zukunftsvision.

 

Unser Fazit: Die Kritik am Kennzahlenwahnsinn, an dem menschlichen Autismus rein rational getriebener Controllingabteilungen und den dramatischen Konsequenzen, wenn die Leistung von Mitarbeitern anhand vorgegebener Performance-Rankings auf eine einzelne Zahl reduziert wird, ist nicht neu. Aber aufgrund der Verdichtung und der Zuspitzung hat der "Neustart" unserer Meinung nach einen vorderen Platz auf dem weihnachtlichen Gabentisch verdient. Wir wünschen Ihnen besinnliche Lesestunden! 

 

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Ein interessantes Interview mit Patrick D. Cowden zu seinem Buch finden Sie hier.

Systemische Berater München

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