10 Oktober 2013

Sensing Journeys

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Thomas Engelhardt

Das Wichtigste in Kürze:

  • Sensing Journeys sind ein von Otto Scharmer entwickeltes ein Tool, um zu Beginn eines Veränderungsprozesses das gesamte Bild der Ist-Situation zu betrachten
  • Dabei werden die Perspektiven aller relevanten Stakeholder – intern wie extern – eingeholt und zur Grundlage von Entscheidungen gemacht.
  • Dadurch entstehen innovative Lösungen, die von allen Beteiligten getragen werden.

 

Veränderungsprozesse brauchen Co-Seeing

Immer wieder scheitern Change-Management-Projekte daran, dass bei der Formulierung von Zielen und Maßnahmen nicht ausreichend Zeit darauf verwendet wird, schon zu Beginn die Perspektiven und Sichtweisen all derer zu berücksichtigen, die später einmal davon betroffen sein werden. Mit viel Mühe versucht man dann hinterher die Betroffenen von einer vorgegebenen Richtung zu überzeugen. Dabei gibt es einfache und sehr effiziente Möglichkeiten, es besser zu machen – gleich zu Beginn.

Eine sehr hilfreiche Methode hierfür sind so genannte „Sensing Journeys“. Wie der Name schon sagt, geht es darum, sich auf die Reise zu machen – und zwar zu all den Stakeholdern, die wesentliche und möglicherweise unterschiedliche Perspektiven auf eine relevante Fragestellung haben.

Die Idee: Rausgehen und wahrnehmen, was wirklich los ist

Das zentrale Ziel einer Sensing Journey besteht darin, dass die handelnden Führungskräfte und Projektmitarbeiter sich gleich zu Beginn eines Change-Prozesses ein umfassendes Bild von der realen Situation machen, um daraus anschließend wirkungsvollere Interventionen abzuleiten. Im Rahmen von Sensing Journeys erhalten die Key Player im Transformations- Prozess die Möglichkeit, mit den verschiedenen betroffenen Stakeholder-Gruppen in Kontakt zu kommen – und das wortwörtlich. 
In kleinen Gruppen machen sie „Reisen“ zu den unterschiedlichen Orten eines Systems, etwa den Mitarbeitern aus verschiedenen Abteilungen und Hierarchieebenen, den Kunden oder Lieferanten oder anderen Personengruppen, die wesentliche Ideen für gute Lösungen bereithalten könnten, bspw. externe Wissenschaftler und Forscher. 

Das Ergebnis: Ein Bild der gesamten Ausgangssituation

Auf diese Weise erhalten sie vielseitigen Input, um das Veränderungsvorhaben in seiner Gesamtheit zu erfassen und einen tiefergehenden Einblick in die zugrundeliegenden Dynamiken und Zusammenhänge einer Ausgangslage zu entwickeln. Das geschieht nicht zum Selbstzweck oder zur oberflächlichen Inspiration. Das Ergebnis einer Sensing Journey liegt darin, dass die Entscheidergruppe ein gemeinsames Bild der Ausgangssituation entwickelt und so Ansatzpunkte für tiefgreifende und effiziente Veränderungen aufspüren kann.

Eine Sensing Journey umfasst 3 aufeinanderfolgende Phasen

Phase 1: Vorbereitung 

Zu Beginn der gemeinsamen Reise wird die Ausgangsfrage geklärt, beispielsweise: Wie können wir ein gerechtes Vergütungssystem implementieren? Oder: Wie können wir zu einem der Top-Arbeitgeber in unserer Region werden? Oder: Wie können wir die anstehende Umstrukturierung möglichst effizient gestalten?
Dann wird untersucht, wer die betroffenen Gruppierungen sind bzw. wer einen hilfreichen Beitrag zur Beantwortung der Frage leisten kann: Wer sind die Schlüsselpersonen zur Lösung des Problems? Wessen Perspektive sollten wir unbedingt berücksichtigen? Wer hat entsprechende Prozesse bereits erfolgreich durchgeführt und kann uns von seiner Erfahrung berichten?

Phase 2: Durchführung der Interviews

Nach der Identifizierung der Schlüsselpersonen wird ein Fragebogen mit etwa 5-10 zentralen Fragen entwickelt. Dieser bildet die Grundlage für die Interviews, die anschließend in Gruppen von 2-5 Personen durchgeführt werden und jeweils etwa 30-90 Minuten dauern. Dabei ist es entscheidend, dass es zu keinen Diskussionen kommt, sondern die Entscheidungsträger sich in einen offenen Erkundungs- und Zuhör-Modus begeben und damit auch Bedenken und Einwände gegen eine anstehende Veränderung sichtbar werden können.

Phase 3: Auswertung

Nachdem alle Interviews geführt wurden, werden die Ergebnisse in einem Workshop zusammengetragen und ausgewertet. Hierfür bietet sich beispielsweise die Methode des World Cafés an. Je nach Komplexität des Anliegens kann man auch das System mit seinen verschiedenen Stakeholdern im Raum aufstellen, so dass schnell sichtbar wird, wo es Spannungen oder unterschiedliche Interessen gibt bzw. wo die Kernthemen für eine erfolgreiche Veränderung liegen. Das Sichtbarmachen des gesamten Systems hat eine enorme Kraft, da Zusammenhänge oftmals zum ersten Mal in dieser Deutlichkeit sichtbar und damit auch besprechbar werden.

Zum Abschluss der Auswertungsphase werden konkrete Ansatzpunkte definiert: Wo muss etwas geändert werden? Wo sind neuralgische Punkte mit Blick auf die Problemstellung? Welche konkreten Veränderungsideen haben wir? Wo können Quick Wins erzielt werden? Wer können die early adaptors einer neuen Struktur sein und wo können schnell erste Erfahrungen in Form eines Prototypen gemacht werden?

Sensing Journeys bilden den Auftakt für erfolgreiche Veränderungsprozesse

Für manche Führungskräfte klingt die Durchführung solcher Lernreisen zunächst etwas unmständlich und nach einer unnötigen Verlangsamung, gilt es doch meist akute und dringliche Probleme zu lösen. Dennoch haben wir immer wieder gute Erfahrungen damit gemacht, gerade zu Beginn etwas auf die Bremse zu treten und Kontakt mit der Realität des gesamten Systems herzustellen. Denn spätestens in der Umsetzungsphase wird es darum gehen, die Perspektiven der Betroffenen in den Blick zu nehmen. Sensing Journeys bieten da die Gelegenheit, einer noch viel stärkeren Verlangsamung durch Widerstand bei der Umsetzung von oben getroffener Entscheidungen vorzubeugen.

Fazit: Sensing Journeys sorgen für tragfähige Lösungen und ein hohes Commitment bei allen Beteiligten

Durch den gezielten Einsatz von Sensing Journey entwickeln Entscheider und Change-Manager ein gemeinsames Verständnis zur bestehenden Situation. Es wird möglich, Partikularinteressen zu durchbrechen und Lösungen zu entwickeln, die für das gesamte System tragfähig sind. Durch die Beteiligung verschiedener Blickwinkel von Beginn an steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die wirklich wichtigen Hebel für Veränderung identifiziert werden. Außerdem steigt später das Commitment derjenigen, die die Veränderungsziele umsetzen sollen – wurden sie doch von Beginn an in deren Entwicklung miteinbezogen.

Wenn Sie diese Art, Change-Prozesse zu gestalten, neugierig macht, zögern Sie nicht, uns zu kontaktieren. Gerne überlegen wir mit Ihnen, in welcher Form der Einsatz von Sensing Journeys Ihr Veränderungs-Vorhaben in Schwung bringt. 

Mehr Informationen zu Sensing Journeys finden Sie auch auf den Seiten des Presencing Instituts.

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